Deutsche Soldaten in Afghanistan: Gefangen im Krieg

Welchen Sinn hat es, deutsche Soldaten in Afghanistan zu stationieren? Nachdem am ersten Maiwochenende 2013 ein Elitesoldat der KSK gefallen ist, gewinnt diese Frage wieder an Brisanz.

Afghanistan Bundeswehr Einsatz rückt wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit
Mit dem ersten Tod eines deutschen Soldaten seit zwei Jahren, rückt der Afghanistan Bundeswehr Einsatz wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Seit 2002 sind 53 deutsche Soldaten bei ihrem Afghanistan Bundeswehr Einsatz getötet worden.
Ob die Freiheit von Deutschland oder lediglich die Interessen einiger Weniger am Hindukusch verteidigt wird, ist eine Frage, die sich umso drängender stellt, je mehr Menschenleben dieser Krieg fordert.

Obwohl in der Chronik dieses Krieges festgehalten ist, dass der Bundestagsbeschluss, deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen zu lassen, am 22. Dezember 2001 gefällt wurde, stellen viele Menschen heute keinen Zusammenhang zu den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center am 11. September desselben Jahres mehr her.

Andere haben jedoch nicht vergessen, dass der seit Ende des Zweiten Weltkriegs erste Einsatz deutscher Soldaten außerhalb Europas die Beteiligung an einem Vergeltungsfeldzug ist, den der damalige Präsident der USA, George W. Bush, mit der Operation „Enduring Freedom“ am 7. Oktober 2001 begonnen hatte. Der öffentliche Druck von Gegnern des Afghanistan Einsatzes trägt zur Verunsicherung von Soldaten und deren Angehörigen bei, denen von Teilen der Bevölkerung mit Ablehnung begegnet wird.

Zahl der deutschen Soldaten in Afghanistan wurde sukzessive erhöht
Die Zahl der deutschen Truppen wurde zwischen 2001 und 2010 sukzessive erhöht. Sollten zu Beginn der deutschen Beteiligung am Afghanistankrieg lediglich 1200 Soldaten der Internationalen Schutztruppe (ISAF) angehören, so beträgt deren Zahl heute immer noch 4400. Bis Ende Februar 2014 ist eine Verringerung auf 3300 geplant. Die größte Stärke betrug aufgrund des Bundestagsbeschlusses vom 26.Februar 2010 5350 Soldaten.

Die zunehmende Dauer des Krieges ließ die Zahl der Kritiker am Sinn der deutschen Kriegsbeteiligung ansteigen. Sie wollen sich nicht länger mit der steigenden Zahl von Opfern darunter viele Zivilisten, abfinden.
Auch das Aufkommen von Affären, wie die Ungereimtheiten bei der vom deutschen Kommandeur Georg Klein befohlenen Bombardierung zweier Tanklaster mit über 100 Todesopfern, rückte die deutsche Kriegsbeteiligung zunehmend in ein schlechtes Licht.

Auslandseinsätze stellen besondere Belastung dar
Auslandseinsätze stellen aus vielerlei Gründen eine besondere Belastung für die Streitkräfte dar. Fremdes und mitunter feindliches Terrain, eine latente Bedrohung, mangelnder Komfort, kaum Privatsphäre und soziale Kontakte setzen die Psyche der Soldaten einem hohen Maß an Stress aus. Hinzu kommt die Frage, wie die Lieben daheim ohne sie zurecht kommen. Und die Angehörigen leiden ihrerseits mit. Sie müssen ihren Alltag zu Hause alleine bewältigen und leben in ständiger Sorge um ihren Partner.

Berichte über traumatische Belastungsstörungen von Bundeswehrsoldaten und dem psychischen Stress, dem die Einsatzkräfte und ihre Angehörigen ausgesetzt sind, gehören nicht gerade zu den bevorzugten Themen, mit denen sich die Bundeswehr in der Öffentlichkeit auseinandersetzen möchte. Immerhin dauerte es bis Anfang April 2010, dass der deutsche Militäreinsatz in Afghanistan offiziell als „Krieg“ bezeichnet wurde.
Dafür ist in den letzten Jahren eine wachsende Zahl von Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt veröffentlicht worden, die sich mit allerlei Unzulänglichkeiten bei der Versorgung der Truppe durch ihren Dienstherrn auseinandersetzen. Darunter die Werke des Fallschirmspringers Achim Wohlgethan „Endstation Kabul“ und „Operation Kundus“, beide im Ullstein Verlag erschienen und der Bundeswehrärztin Heike Groos, „Das ist auch euer Krieg!“ und „Ein schöner Tag zum Sterben“ (beide S. Fischer Verlag).
In diesen Büchern wird das thematisiert, was nicht ins offizielle Bild der Bundeswehrpropaganda passt. Das Alleingelassensein derer, die vor Ort das umsetzen sollen, was ihnen von Politik und Militärführung vorgegeben wird.

Unterstützung von Seiten der Bundeswehr nicht immer gewährleistet
Hinzu kommt, dass sich Betroffene und deren Angehörige im Bedarfsfall nicht in jedem Fall der Unterstützung von Seiten der Bundeswehr sicher sein können. So beruft sich die Initiative „Angriff auf die Seele“ auf einen am 20.04.2013 gesendeten Bericht des NDR aus der Reihe „Streitkräfte und Strategien“, in dem unter anderem über die Praxis geklagt wird, Zeitsoldaten ins Zivilleben zu entlassen, ohne dass zuvor über deren Anträge auf Wehrdienstbeschädigung entschieden wurde. Besonders mit Hinblick auf psychische Verletzungen sei dies unverantwortlich, so die Initiative. „Angriff auf die Seele“ weist darauf hin, dass aufgrund der Vielzahl von derartigen Fällen, die an ihre und andere Organisationen von Angehörigen herangetragen werden, von Einzelfällen keine Rede sein kann. Der schlimme Verdacht, dass hinter diesen Vorfällen ein System steckt, drängt sich auf. Schon seit langem soll den Verantwortlichen bekannt sein, dass die Bearbeitung von Entschädigungsanträgen aufgrund von Personalmangel viel zu lange dauert, ohne dass hier Abhilfe geschaffen wurde.