Tödliches Spiel: Waffen in den Händen von Kindern
Der fünfjährige Kristian Sparks aus Burkesville im US-Bundesstaat Kentucky versteht nicht, warum ihm seine Eltern das Geschenk, das sie ihm ein Jahr zuvor freudestrahlend überreicht hatten, nun wieder wegnehmen. Immerhin ist es sein ganzer Stolz, sein erstes eigenes Kindergewehr. Und noch etwas versteht der kleine Junge nicht. Seit dem 30.04.2013 ist seine zweijährige Schwester Caroline nicht mehr da. An diesem Tag war er mit ihr im Wohnzimmer gewesen. In der Ecke hatte achtlos sein Kindergewehr gestanden. Kristian hatte es hervorgeholt und damit herumhantiert. Dabei hatte sich plötzlich eine Kugel gelöst und die Brust seiner Schwester durchbohrt. Caroline war daraufhin blutend zu Boden gesunken. Am 03.05.2013 hatte die Beerdigung des zweijährigen Mädchens stattgefunden. – „War ich böse?“, will Kristian Sparks von seinen Eltern wissen.
Nur wenige Tage zuvor hatte ein Achtjähriger in Alaska seine fünfjährige Schwester erschossen. Am 06.04.2013 tötete ein Vierjähriger in Tennessee mit der Pistole eines Hilfssheriffs versehentlich dessen Gattin. Im gleichen Monat setzte ein ebenfalls Vierjähriger in New Jersey einem Spielkameraden sein Gewehr an den Kopf und drückte ab.
Europäer schütteln fassungslos den Kopf und fragen: Kleinkinder, die Gleichaltrige erschießen mit speziell für sie konzipierten Waffen in einem Land, in dem kein Krieg herrscht, das als zivilisiert und demokratisch gilt und dessen Präsident Obama 2009 den Friedensnobelpreis erhalten hatte – wie ist das möglich? Woraufhin viele US-Bürger – insbesondere im Süden und in den weniger dicht besiedelten Gebieten der Vereinigten Staaten – verwundert mit den Schultern zucken und entgegnen: Sollen wir etwa nicht unseren Kindern frühzeitig einen verantwortungsbewussten Umgang mit Schusswaffen beibringen?
Amerikanisches Waffengesetz
Das Recht auf den Besitz und das Tragen von Waffen in Amerika basiert auf dem vor 220 Jahren verbrieften zweiten Verfassungszusatz. Dieser ließ jedoch Interpretationsmöglichkeiten zu. Für Klarheit sorgten ab 2008 mehrere Urteile des Obersten Gerichtshofes, die das Recht auf Waffenbesitz von Privatpersonen manifestierten. Amerikanisches Waffengesetz ist von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich geregelt.
In dem Land mit seinen rund 312 Millionen Einwohnern sind schätzungsweise 300 Millionen Waffen im Umlauf. Nicht nur sich zu bewaffnen, sondern auch für ihre Kinder Waffen zu kaufen, zählt für viele US-Bürger zur Normalität. Die von Bill McNeal und seinem Sohn Steve gegründete Firma „Keystone Sporting Arms“ stellt speziell für Kinder Waffen her, die putzige Namen wie „Grille“ oder „Streifenhörnchen“ tragen. Sie sind in den Farben Blau und Rosa oder gestreift erhältlich. Jährlich produziert die Firma 60.000 Schießwaffen für den Nachwuchs und kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Kristian Sparks erschoss seine kleine Schwester mit einer „Grille“ der Keystone-Marke „My first Rifle“ (Mein erstes Gewehr).
Debatte über Waffen in Amerika
Doch es gibt nicht nur Waffennarren in den USA. Insbesondere nach aufsehenerregenden Amokläufen wie der am 15.12.2012 an einer US-Grundschule in Newtown entbrennt stets nach dem ersten Moment der Schockstarre eine heftige Debatte über eine Verschärfung des amerikanischen Waffengesetzes. Bekanntester Befürworter ist US-Präsident Obama, der allerdings für sein ambitioniertes Ziel keine Mehrheit im Kongress findet. Zu mächtig und einflussreich agiert die Waffenlobby NRA (National Rifle Association) im Hintergrund und torpediert alle Vorstöße in diese Richtung. Ihr Argument, Waffen in Amerika seien Ausdruck der kulturellen Eigenheit des Landes und ein Verbot käme einem Angriff auf die bürgerlichen Freiheiten und Rechte gleich, spricht vielen Amerikanern aus der Seele.
Täglich sterben in den USA etwa drei Menschen durch den sorglosen Umgang mit Waffen, darunter immer wieder Kinder. Beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon starben drei Menschen. Die USA setzen alles daran, den Terrorismus im In- und Ausland zu bekämpfen, und sehen dennoch tatenlos zu, wie sich ihre eigenen Bürger gegenseitig niederschießen. Wenngleich nach dem Newtown-Attentat die Regierung von Connecticut eines der schärfsten Waffengesetze in den USA auf den Weg gebracht hat, haben zehn andere Bundesländer seitdem den Zugang zu Waffen erleichtert – darunter Kentucky.
Bis sich die Gesellschaft in den USA von ihrem liberalen Waffengesetz verabschiedet und die Macht der Waffenlobby bröckelt, ist es noch ein weiter, aber nicht aussichtsloser Weg. Zwar versanden bislang die Debatten über schärfere Gesetze immer wieder, aber die Stimmen der Befürworter werden nach jedem neuen Amoklauf und tödlichen Waffenunfall mit Kindern lauter und nehmen zu. Und letztendlich galt auch einst die Lobby der Tabakindustrie als unüberwindbare Bastion. Heute zählen die USA zu den Ländern mit den schärfsten Nichtraucherschutzgesetzen. Es besteht also Grund zur Hoffnung, dass eines Tages keine kleinen Kinder mehr zu Grabe getragen werden müssen, die versehentlich eine tödliche Kugel aus einem Kindergewehr traf.
Quellen:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fuenfjaehriger-erschiesst-schwester-toedliches-spielzeug-a-897698.html
http://www.n24.de/n24/d/2794012/kinderknarren-fuer-den-us-nachwuchs-.html
http://www.derwesten.de/panorama/waffen-fuer-die-kleinen-aimp-id7911381.html
http://www.tagesschau.de/ausland/waffenrechtusa100.html
http://www.sueddeutsche.de/politik/verschaerftes-waffenrecht-in-den-usa-obama-holt-sich-unterstuetzung-von-opferfamilien-1.1644072
http://www.dw.de/mal-eben-eine-waffe-kaufen/a-16519341
http://www.stern.de/politik/ausland/waffenhandel-in-den-usa-ein-sturmgewehr-zum-kaffee-598276.html
http://www.20min.ch/ausland/news/story/Das-Geschaeft-mit-der-Kinderwaffe–Grille–boomt-23648551
http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-01/usa-waffen-kinder
http://www.wdr2.de/panorama/kinderwaffen114.html
Bonner General-Anzeiger vom 03.05.2013, S.32